Diesmal ist also die Nutzlast in Iran gebaut und getestet worden. Agenturen wie AP oder BBC beschreiben den Satelliten als „relativ leicht“ bzw. als „20“, „30“ oder „27“ Kilogramm schwer (Vorgänger Sinah-1 hatte zwischen 160 und 170 Kilogramm) und zitieren das iranische Fernsehen, das von „Forschungs- und Telekommunikationszwecken“ spricht. Ziel von Omid ist die niedrige Erdumlaufbahn.
Ein Blick hinter die Kulissen: Was nicht jeder weiß ist dass Iran sein eigenes Weltraumprogramm und seine nationale Raumfahrtagentur (Iranian [National] Space Agency, ISA) hat. Die Agentur setzt Vorgaben des nationalen Weltraumrates (Iran Space Council, ISC) um. Iran pflegt – es ist naheliegend – auch Kontakte mit den beiden „Weltraummächten“ Russland und China, und selbst ein bemanntes Programm ist im Gespräch, dessen Status im Ausland jedoch kontrovers – von „nicht existent“ bis „fortgeschritten“ – diskutiert wird. Natürlich hat ein Land der Größe und Potenz Irans auch im Bereich der Weltraumanwendungen Interesse und Bedarf. Deshalb wird von der iranischen Regierung darauf hingewiesen, dass iranische Satellitenprojekte unter anderem für „Kommunikation und Katastrophenschutz“ eingesetzt werden sollen.
Doch völlig unabhängig davon, welchen konkreten Nutzen der nun gestartete Omid für Iran hat, oder welchen Meilenstein im Iranischen Weltraumprogramm er darstellt, zielt die Diskussion auf eine ganz andere Frage ab. Und dazu begeben wir uns zunächst in die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Wollen, Können, Dürfen
Kaiser Ferdinand I. von Österreich wird ein Bonmot zugeschrieben, das er angeblich beim Anblick der Meute der Märzrevolution seinem Kanzler Metternich erstaunt zuraunte: „Ja, dürfen’s denn das?“ So ähnlich fragen manche, wenn sie die iranische Safir-Rakete in den Himmel steigen sehen: Dürfen’s denn das, die Iraner?Wen verwundert’s: Die Antwort ist nicht leicht. Aus weltraumrechtlicher Sicht dürfen die Iraner das. Der Weltraum ist frei zur Erforschung und Nutzung, sagt Artikel eins des Weltraumvertrages von 1967. Zu friedlichen Zwecken. „Zu friedlichen Zwecken, und um unsere nationalen Interessen zu schützen,“ sagt der iranische Außenminister Mottaki zwei Tage nach dem Omid-Start im Fernsehen.
Aber natürlich ist das Problem wesentlich komplexer. So nannte das Weiße Haus schon den Safir-Start vom Februar 2008 „unglücklich“. Dem Start vom August 2008 folgten noch schärfere Worte. „Im Widerspruch zu ihren UNO-Sicherheitsrats-Verpflichtungen“ sei das Programm, mahnten die Vereinigten Staaten. Und an diesem Punkt muss man genau hinsehen. Denn es gibt tatsächlich drei Resolutionen des Sicherheitsrats, mit denen die Staatengemeinschaft aufgerufen wird, Iran vom Erwerb relevanter Technologie zur (weiteren) Entwicklung von Lenkwaffen abzuhalten. Das kann als implizite Verurteilung des Lenkwaffenprogramms interpretiert werden. Eine direkte Verpflichtung Irans zum Stopp des Programms wird darin jedoch nicht ausgesprochen.
Und dann stellt sich da noch die Frage, was denn nun eine Lenkwaffe ist, und was eine Rakete zur hehren Weltraumfahrt. Ist das mit technischen Mitteln zu messen, oder mit moralischen oder vielleicht mit juristischen, oder geht es um die Frage des Namens – Shahab, Safir… morgen vielleicht Sindbad?
Schnell steckt man mitten in der Diskussion um zivil gleichermaßen wie militärisch nutzbare Güter („dual use“). Die Rakete ist das greifbarste Beispiel: kann nach oben fliegen, kann aber auch nach links oder rechts fliegen, kann Satelliten transportieren, kann aber auch Sprengköpfe ans Ziel bringen. Um die Bedeutung der dahinter steckenden Technologie zu erkennen – weit weg von der Angst vor persischen Planspielen – genügt ein Blick in „unsere“ Europäische Weltraumpolitik. Beschlossen im Mai 2007, unterstreicht sie die „grundlegende Wichtigkeit für Europa, einen unabhängigen, verlässlichen und kosten-effektiven Zugang zum Weltraum“ zu erhalten. Raketentechnologie ist also ein strategisches Schlüsselgut. Und das Streben danach ist für jede Macht, die eine solche behaupten will, vollkommen verständlich. Vor diesem Hintergrund bekommt der Start des Satelliten Omid, vielmehr aber eigentlich der Erfolg seiner Trägerrakete Safir, einen unangenehmen Beigeschmack. Zumindest aus anti-iranischer Sicht.
Die Dimension der Mozartkugel
Es gibt allerdings auch den ganz anderen Gesichtspunkt. Besser gesagt gibt es deren zwei. Zunächst den, der Iran zwar nichts Gutes unterstellt, aber gleichzeitig beruhigt, dass der Weg zur wahren Bedrohung noch weit ist. Tenor: Einen kleinen Satelliten zu starten ist eine Sache, Atomwaffen real einzusetzen eine andere. Denn erstens braucht man dazu hohe Reichweiten und verlässliche, sehr leistungsstarke Raketen, zweitens eine funktionsfähige Bombe und drittens einen effizienten Sprengkopf. Alles das hat Iran, so wird heute vermutet, noch nicht erreicht.Professor Yitzhak Ben Ysrael, Vorsitzender der Israelischen Raumfahrtagentur und Militärstratege, wird von der Arms Control Association (Washington) mit der Einschätzung zitiert, das iranische Nuklearprogramm sei der eigentliche Kern des Problems, nicht eine Rakete namens Shahab und auch keine namens Safir. Israel läge nämlich schon heute innerhalb der Reichweite der Shahab-3.
Und dann gibt es den ganz anderen Gesichtspunkt, der einen ob seiner Unschuldsvermutung fast schon perplex da stehen lässt: Was wäre, wenn es Iran nun schlicht und einfach daran gelegen wäre, ein Weltraumprogramm um des Wissens Willens hochzukriegen? Daran hat in der Hitze der Dasht-e Kavir Wüste noch niemand gedacht. Der SPIEGEL zitiert in seiner Online-Ausgabe vom Tag nach dem Omid-Start den deutschen Iran-Experten Johannes Reissner, der betont, welchen hohen Stellenwert Technik und Wissenschaft in diesem Nachfolgeland alter Hochkulturen noch heute genießen. Reissner unterstreicht, dass ein nationales Weltraumprogramm Teil des nationalen iranischen Selbstwertgefühls sei.
Bevor man dieses Argument mit der Behauptung vom Tisch wischt, dass Selbstwertgefühl keine Kategorie für Weltraumambitionen sei, schon gar nicht im 21. Jahrhundert: Vorsicht. Natürlich ist es das! Nicht nur, aber auch. Patriotismus, Selbstwert, Machtanspruch, sogar Selbstbeweis findet sich in so vielen Missionen der NASA, der ESA, Chinas, Russlands – ja, von wem eigentlich nicht? Schwebende Mozartkugeln an Bord von „MIR“ während der AUSTROMIR-Mission 1991 haben so manchen Österreicher emotional zum Stammtischbruder sagen lassen: Jetzt samma aa im Wödraum. Über die amerikanischen Mondfahnen gar nicht zu reden.
Es ist also zu einfach, dem Reflex zu folgen und diese iranische Mission prima facie als geopolitisches Manöver und nur als solches zu sehen. Safir und Omid sind erstaunliche, komplexe und Respekt einflößende Leistungen. Das aber ein Weltraumprogramm ohne Zweifel eine strategische Komponente hat, ja haben muss, ist klar. Das gilt besonders für aufstrebende Mächte und für solche, die sich in einer geopolitisch heiklen Situation behaupten wollen.
Schach oder Scharade?
1991, im Dunst der Auflösung der bipolaren Welt, schrieb der US-Experte und Offizier Dr. Thomas G. Mahnken einen interessanten Beitrag mit dem Titel „Warum Raumfahrtsysteme der Dritten Welt von Bedeutung sind“, in dem er postuliert, dass Schwellen- und Entwicklungsländer vermehrt das Thema Raumfahrt für militärische Zwecke nutzen werden. Er schreibt: Die ungleiche regionale Verbreitung von Weltraumtechnologie könnte zu regionalen Instabilitäten führen. Im Umkehrschluss lässt sich daraus ableiten, dass regionale Stabilität (im Sinn eines Gleichgewichts der Kräfte) auch über nationale Raumfahrtsysteme angestrebt wird.Das ist selbstverständlich nichts Neues. Wenn der Konflikt schon nicht der Vater aller Dinge ist (Heraklit), so doch zu einem guten Teil der Ziehvater der Weltraumfahrt. Wenigstens der Patenonkel, der das nötige Taschengeld zusteckt.
Das Tandem Omid-Safir zeigt, dass Iran seine Positionen, technologisch wie politisch, ausbaut. Es zeigt, dass gerade die relativ weite Verbreitung von Lenkwaffentechnologie das Tor zum Weltraum öffnen kann, wenn entsprechende Ressourcen investiert werden.
Und es zeigt noch etwas anderes: Ein Satellitenstart ist doch noch schlagzeilenfähig. Das ist in diesem Fall zwar weniger dem Satelliten als dem Startstaat geschuldet, aber es ruft umso mehr in Erinnerung, dass Raumfahrt selten Selbstzweck war. „Dual-Use“, die zweifache, die janusköpfige Verwendbarkeit, war gestern. Heute spricht man gleich vom „Multiple-Use“, es ist ja nicht alles nur schwarz und weiß. Besonders gilt dies für die erste iranisch-iranische Weltraummission.
Man darf also gespannt sein, wie sich dieses Lehrstück am Kreuzungspunkt zwischen Politik, Technologie und Strategie weiter entwickelt. Iran macht Ernst mit Weltraum. Und da das Wort „Schach“ vom persischen „Schah“, König, kommt, liegt es nahe zu sagen: Warten wir auf den nächsten Zug.
Alexander Soucek


