Seit sieben Jahren unterrichte ich an der Universität Graz Weltraumrecht. Weltraumrecht: das klingt für einen Techniker wie Saharastaub – trocken, störend und nutzlos. Für einen angehenden Juristen klingt es eher wie Science Fiction: spannend, abgefahren und auf jeden Fall etwas verrückt.
Die Wahrheit liegt wie so oft in der unspektakulären Mitte, wie meine Studenten im Zuge des Seminars „Space Law“ erfahren. Weltraumrecht umfasst internationale Bestimmungen zur Regelung der Raumfahrt, im weiteren Sinn aber auch alles, was aus administrativer und sogar politischer Sicht zum Weltraum zu sagen ist. Wer haftet bei einem Satellitenstart? Was ist der Unterschied zwischen Staatenverantwortlichkeit und Staatshaftung? Wie schaut die Raumfahrt-Versicherungsbranche aus? Welche Datenpolitik verfolgen Anbieter von Erdbeobachtungs-Produkten? Wie greift internationale Technologie-Kontrolle in die konkrete Missionsplanung ein?
Zweiundzwanzig volle Stunden dauert so ein semester-langes Seminar, aufgrund meiner Beschäftigung bei der ESA zusammengestaucht auf eine intensive Woche. Drei Kategorien von Teilnehmern gibt es: die, die das Seminar unbedingt brauchen; die, die das Thema interessant finden; und die, die das alles extraterrestrisch exotisch finden. Auf die Rechnung kommen alle drei Gruppen.
Es ist wichtig, den Stoff nicht nur frontal oder „interaktiv“ zu vermitteln, sondern auch anschaulich. Und am anschaulichsten ist immer noch das Rollenspiel. Also: auf zur UNO, Weltraumkonferenz im Wasserglas, klein, aber oho!
Jeweils zwei Studenten vertreten einen Staat (Raumfahrt-„Großmächte“ ebenso wie Zwerge); sie erhalten sowohl Hinweise, welche (realistische) Politik der eigene Staat verfolgt, als auch ein paar geheime Regeln, wie sie sich während der Konferenz zu verhalten haben. Einen Nachmittag und Abend ist Zeit, um in die eigene Rolle zu schlüpfen, mit Hilfe des Internets Positionen zu erarbeiten, und vor allem: um Verbündete zu suchen. Das Ziel: die Verhandlung eines Abkommens zum Aufbau eines satelliten-gestützten Klima-Überwachungs-Systems.
Das Abkommen besteht aus dem Titel, drei Halbsätzen zur Einleitung und ganzen acht Hauptsätzen, zusammen bequem auf einem Blatt Papier unterzubringen. Am Anfang schmunzeln die Studenten. Das soll alles sein? Dafür ist der ganze Samstag zur „Verhandlung“ angesetzt? Abwarten und spielen.
Samstag morgen, letzter Seminartag. Willkommen bei der UNO-Konferenz. Eine Gruppe Studenten spielt das „UN-Büro“. Brav hat man Tische aufgebaut, Flaggen ausgedruckt, Sitzplätze arrangiert. Doch bevor die Konferenz eröffnet werden kann, geht es schon rund: China, Iran und die USA haben Einwände gegen die Sitzordnung. Die Malediven finden ihre Nationalflagge seitenverkehrt ausgedruckt – ein Affront. Es vergeht die erste Stunde. Dann, endlich, kann die Konferenz eröffnet werden.
Dann die nächsten Einwände gegen die Abstimmungsregeln. Russland droht mit dem Verlassen der Konferenz. Unterbrechung. Endlich geht es zum Titel, der eigentlich unstrittig sein sollte.
Unstrittig? Mitnichten. Soll es nun heißen: „satelliten-gestützt“, oder „basierend auf Satelliten“, oder „weltraum-gestützt“, oder „basierend auf satelliten-gestützten Daten“? Geht es um den „Klimawandel“, oder das „Klima“, oder den „durch den Menschen gemachten Klimawandel“, oder den „durch den Menschen beeinflussten Klimawandel“? Jede Wortmeldung darf nur nach System erfolgen, alles geordnet, und das braucht Zeit. Mitten in der Debatte um den ersten Halbsatz der Präambel verlangt eine Gruppe von Staaten die Unterbrechung des Meetings, um zum Mittagessen gehen zu können.
Stattgegeben.
Und ehe sich’s die Studenten versehen, ist auch der Nachmittag vorbei. Das Ende der Konferenz ist da, und wir stecken nach endlosen Diskussionen und Unterbrechungen im zweiten Satz des Hauptteils. Draußen wartet (in Gedanken) die Journalisten-Meute der Weltpresse. Was also tun? Zugeben, dass die Verhandlungsrunde gescheitert ist? In Eile wird aus zwei Halbsätzen der Präambel eine klitzekleine politische Absichtserklärung gebastelt, und ergänzt durch das Versprechen, sich bald wieder zu treffen. Wenigstens etwas, das man in die Kameras halten kann.
Zum Schluss bleibt nur noch das Umdrehen des „Wasserglas-Experiments“: im Kleinen ist es wie im Großen. Fühlt sich jemand an das Ergebnis des Klimagipfels in Kopenhagen erinnert? Die Studenten staunen.
Ein lehrreiches Experiment ist zu Ende.

